Interview mit Reem Asaad

Ehrenmitglied der EMA

 

EMA: Frau Asaad, Sie sind die dritteinflussreichste Arabische Frau der Welt. Wie kam es dazu?

Reem Asaad: Meine Damen-Bekleidungskampagne hat international Aufmerksamkeit erregt, nicht zuletzt wegen der hohen Sensibilität von Frauenthemen in der Region und besonders in Saudi Arabien. Traditionelle Medien wie auch die Social Media waren bei dieser Kampagne die Hauptantriebskräfte. Hinzu kam die lokale und internationale Unterstützung. Ein anderer Aspekt war, dass die Politik zu unseren Gunsten arbeitete. Wenngleich ihrerseits erst drei Jahre nach Beginn der Kampagne eine positive Reaktion kam.

 

EMA: Ihre Bekleidungskampagne hat in Saudi Arabien wie auch international großes Aufsehen erregt. Was war das Ziel dieser Kampagne und was hat sie erreicht? Gibt es Gemeinsamkeiten zur aktuellen Kampagne gegen das Fahrverbot für Frauen in Saudi Arabien?

Reem Asaad: Es begann als eine Kampagne zu Verbraucherrechten. Wir riefen zum Boykott von Bekleidungsgeschäften auf, die von Männern betrieben werden. Vor 2011 hatten 90 Prozent der Geschäfte nur männliches Personal.  Die Öffentlichkeit war sich einig, dass Veränderung notwendig war. Der Grund für dieses seltene Einvernehmen, war einfach die Angemessenheit der Idee. Frauen wollten Kleidung von anderen Frauen kaufen. Männer wollten den Kontakt ihrer Frauen mit anderen Männern minimieren… etc. Also war es für diese Gesellschaft weniger ein zivilrechtliches oder emanzipatorisches Problem als eine Frage der Praxistauglichkeit und öffentlichen Ordnung. Frauen am Steuer, andererseits, hieße mehr Kontakt mit Männern, Komplikationen bei Verkehrskontrollen und natürlich mehr Unabhängigkeit für Frauen, was den meisten saudischen Männern (einschließlich der Politiker) nicht passt.

 

EMA: Sie bezeichnen sich selbst als Wirtschaftsaktivistin und nicht als Frauenrechtlerin. Wo liegt Ihrer Meinung nach der Unterschied?

Reem Asaad: Diese beiden Begriffe sind miteinander verflochten. Meine Philosophie ist, dass wirtschaftliches Empowerment und Unabhängigkeit den zivilen Rechten vorausgehen muss. Frauen und Kinder sind schwächere Teile der saudischen Gesellschaft. Frauen können nicht zur Wirtschaft und dem öffentlichen Leben beitragen, wenn sie ihr eigenes Leben nicht kontrollieren können. Dies wiederum kann nicht erreicht werden, ohne dass Frauen ihren Lebensunterhalt selbst verdienen können. Das sind die Grundlagen. Die Rhetorik über Frauenrechte wird immer an ihrem Recht auf finanzielle Unabhängigkeit scheitern.

 

EMA: Bitte geben Sie unseren Lesern eine kleine Zusammenfassung von Saudi Arabien und von den saudisch-deutschen Beziehungen. Welche Entwicklungen sehen Sie für die Zukunft voraus?

Reem Asaad: Abgesehen davon, dass Deutschland ein schönes Land ist, sehen es die Saudis als ein Land des wissenschaftlichen, technischen und medizinischen Fortschritts, wo Firmen wie Siemens und BMW sitzen, die international bekannte Verbrauchsgüter herstellen.

Auf der sozialen Ebene, bleibt die Sprache ein Hindernis um die reiche und geschichtsträchtige deutsche Kultur zu verstehen. Die Medien können dabei eine wichtige Rolle spielen. Das Arabische Programm der Deutschen Welle, zum Beispiel, wird immer beliebter. Mehr solcher Projekte sind notwendig um Brücken zwischen beiden Völkern zu bauen. In der multikulturellen Stadt Jeddah sind die deutsche Gesellschaft und Kultur immer noch schwach vertreten. In diesem Zusammenhang könnte mehr getan werden.

               

EMA: Sie haben am 2. Deutsch-Arabischen Frauennetzwerkforum teilgenommen. Könnten Sie kurz Ihren Eindruck von der Konferenz und dem EMA- Netzwerk schildern?

Reem Asaad: Das professionelle Niveau und die Gastfreundschaft haben mich beeindruckt. Aber umso mehr noch hat mich die rationale und praktische Herangehensweise an Frauenthemen sehr bewegt. Es gab weniger Jubelgeschrei und mehr analytische und lösungsorientierte Diskussion der Probleme, denen Frauen gegenüber stehen. Eine Sache, die fehlte, war das Vorwissen Deutscher Frauen über ihre Saudischen Kolleginnen. Daran muss weiter gearbeitet werden.

 

EMA: Sie wurden zum Ehrenmitglied der EMA ernannt. Wie stellen Sie sich in der Zukunft die Kooperation mit der EMA vor?

Reem Asaad: Zunächst fühle ich mich geehrt und bin dankbar Ehrenmitglied dieser Organisation zu sein. Das saudische Volk ist von Natur aus sehr warm und großzügig.

Meiner Meinung nach ist die erste Priorität das gegenseitige kulturelle Verständnis zu verbessern. Sprache ist das Tor zum kulturellen Verständnis, und Arabisch und Deutsch sind notorisch anspruchsvolle Sprachen. Ich persönlich habe begonnen in meiner Freizeit Deutsch zu lernen.

Also wenn wir mit den Grundlagen beginnen, könnte man günstige Sprachlernprogramme und -workshops organisieren. Andere Beispiele wären Schüleraustauschprogramme, Dokumentarfilme über und für beide Länder, kulinarische Festivals und andere kreative Initiativen, die soziales Interesse erzeugen.

Für Frauen ist es motivierend Erfolgsgeschichten von anderen Frauen in Bereichen wie Unternehmertun, Technologie und Einzelhandel zu hören. EMA kann helfen gegenseitige Besuche über bereits bestehende Bildungseinrichtungen zu organisieren, um Deutsche und Araber ohne die Bürokratie der formalen staatliche Einrichtungen zusammen zu bringen.