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Wie Ägypten auf die Covid-19-Pandemie reagiert

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Alexandria, Corniche, 20. April 2020 © EMA e.V. | Jens Kutscher

Ägypten an den Feiertagen: Am 20. April haben die mehr als 100 Millionen Ägypter das Frühlingsfest Schamm el Nessim gefeiert. Jedes Jahr ein Anlass für Familienbesuche, Festtagseinkäufe und Kurzurlaube am Meer. Doch in diesem Jahr, in dem die Covid-19-Pandemie das Geschehen bestimmt, ist vieles anders. Die Grenzen zwischen einzelnen Provinzen des Landes waren für das lange Wochenende geschlossen, insbesondere um den erwarteten Reiseverkehr an die Küsten von Mittelmeer und Rotem Meer zu unterbinden. Die Küstenmetropole Alexandria wiederum hat bereits vor Wochen alle Stadtstrände geschlossen. Am Feiertag selbst wurde zudem die Küstenstraße Corniche für den Verkehr gesperrt.

Wirtschafts- und gesundheitspolitische Maßnahmen zur Einhegung der Pandemie

Die ägyptische Regierung macht bislang eine gute Figur. Sie hat in den vergangenen Wochen zahlreiche wirtschafts- und gesundheitspolitische Maßnahmen ergriffen. Bereits mit Wirkung vom 15. März wurde der reguläre internationale Passagierflugverkehr eingestellt. Zudem wurden eine nächtliche Ausgangssperre von 20 Uhr bis 6 Uhr verhängt sowie Cafés, Restaurants und Einkaufszentren geschlossen. Besonders öffentlichkeitswirksam hat das Militär in den letzten Wochen immer wieder Straßen sowie öffentliche Plätze und Einrichtungen mit Desinfektionsmittel aus Tanklastern besprüht. Seit kurzem gilt in der Metro von Kairo eine Maskenpflicht; Masken und Desinfektionsmittel werden an den Stationen für alle Passagiere bereitgehalten. Anfang April wurde mit chinesischer Unterstützung zudem eine neue Maskenfabrik in Kairo eröffnet.

Keine Lieferengpässe, aber existenzielle Fragen

Während Regierung und Medien alles daran setzen, die Maßnahmen auch polizeilich durchzusetzen, geben sich viele Menschen noch unbesorgt. Das tägliche Leben geht zwischen 6 Uhr und 17 Uhr, wenn die Geschäfte schließen müssen, seinen gewohnten Gang. Lediglich Apotheken, Supermärkte und Lebensmittelgeschäfte haben auch in den späten Abendstunden geöffnet. Besondere Lieferengpässe gab es dabei in den vergangenen Wochen nicht zu beobachten.

Für viele Menschen und Unternehmen – gerade im großen informellen Sektor des Landes – geht es aber auch um Existenzfragen. Hier hat die Regierung damit begonnen, Tagelöhnern und anderen Bedürftigen in den kommenden drei Monaten jeweils 500 Ägyptische Pfund oder umgerechnet rund 30 Euro auszuzahlen. Insgesamt umfasst der Fonds 100 Milliarden Pfund oder umgerechnet rund sechs Milliarden Euro, also etwa zwei Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung.

Fastenmonat Ramadan mit neuen Herausforderungen

Klar ist schon heute, dass der Fastenmonat Ramadan, der am 24. April beginnt, wie keiner zuvor sein wird. Bereits jetzt enthält der Gebetsruf die Aufforderung, zuhause zu beten und nicht in die Moscheen zu gehen. Die Moscheen – und Kirchen – sind ohnehin längst geschlossen. Was Corona aber für den Tourismussektor, für den riesigen informellen Sektor und den sonst starken Binnenkonsum bedeutet, ist noch nicht abzusehen.

Mehr als 3.100 Infizierte zwischen Februar und April 2020

Ägypten war im Februar das erste Land auf dem afrikanischen Kontinent, das von der Covid-19-Pandemie betroffen war, als ein infizierter Ausländer Symptome zeigte und in ein Krankenhaus eingeliefert werden musste. Binnen zwei Monaten hat sich das Virus dann auch in Ägypten exponentiell verbreitet. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO waren Stand 20. April mehr als 3.100 Personen nachweislich mit dem neuartigen Corona-Virus infinziert. Damit stand Ägypten nach Südafrika an zweiter Stelle aller afrikanischen Länder und nach Saudi-Arabien, den VAE und Katar an vierter Stelle aller arabischen Länder.

Bericht: Jens Kutscher

 

How Egypt Responds to the Covid-19 Pandemic

Egypt on the holidays: This year on April 20, more than 100 million Egyptians celebrated the spring festival Shamm el Nessim. Every year an occasion for family visits, holiday shopping, and weekend trips to the sea. But this year, when the Covid-19 pandemic is dominating everyday life, a lot is different. Many Egyptian provinces closed their borders in order to prevent the expected seasonal travel to the Mediterranean and Red Sea coasts. The coastal metropolis of Alexandria, in turn, closed all city beaches weeks ago and today the coastal road Corniche was blocked for all traffic.

Economic and Health Policy Measures to Contain the Pandemic

So far, the Egyptian government has been doing a good job of containing the pandemic. It has taken numerous economic and health policy measures in recent weeks. As of March 15, international passenger air traffic was suspended. In addition, a nighttime curfew was imposed from 8 P.M. to 6 A.M. and cafes, restaurants, and shopping malls were closed. Accompanied by wide media coverage, the military has repeatedly sprayed streets as well as public places and buildings with disinfectant from tankers. Wearing a mask has recently become mandatory on the Cairo metro; masks and disinfectants are handed out at the stations.

No Supply Shortage, but Existential Questions

While the government and the media are doing everything they can to enforce the measures, many people are still careless or not worried. Daily life goes on as usual between 6 A.M. and 5 P.M. when shops must close. Only pharmacies, supermarkets, and grocery stores are still open late at night. A shortage of specific goods could not be observed.

However, many people and companies – especially in the country’s large informal sector – face existential questions. The government has therefore begun to pay 500 Egyptian pounds or around 30 euros to day-laborers and other people in need for a three-month period. The fund comprises a total of 100 billion pounds or around six billion euros – that is, about two percent of Egypt’s annual economic output.

Holy Month of Ramadan Facing New Challenges

It is already evident today that the holy month of Ramadan, which begins on April 24, will be like no one before. Prayer calls already contain the request to pray at home and not to go to the mosques. The mosques – and churches – are already closed anyway. What Corona means for the tourism sector, for the huge and important informal economy, and the usually high domestic consumption is not yet entirely clear.

More Than 3,100 Cases Between February and April 2020

In February, Egypt was the first country on the African continent affected by the Covid-19 pandemic when a foreigner showed symptoms of an infection and had to be hospitalized. Within two months, the virus spread exponentially all over Egypt. According to the World Health Organization WHO, more than 3,100 people were confirmed to be infected with the new Corona virus as of April 20. This made Egypt second in all of Africa after South Africa and fourth among all Arab countries after Saudi Arabia, the UAE, and Qatar.

Reported by: Jens Kutscher