Der 2. Hamburger Wirtschaftstag Irak

Eckpunkte zur irakischen Wirtschaft

Nach dem Ende des Krieges und mit der Beendigung der amerikanischen Verwaltung ist der Irak wieder ein souveräner Staat geworden. Der Irak ist das Land mit den drittgrößten Erdölvorkommen und dementsprechend ist die irakische Wirtschaft stark von Erdölexporten abhängig. Die Landwirtschaft ist neben der Erdölindustrie, der zweitgrößten Wirtschaftssektor. Während das Wirtschaftswachstum im Jahre 2008 bei 9% lag, brachte die Finanzkrise einem Abschwung von knapp 5%. Für das Jahr 2010 wird aber wieder mit einem Aufschwung auf 5,8% und bis 2013 auf 7% gerechnet.

Für den Wiederaufbau des Landes und der Ankurbelung der Wirtschaft hat die irakische Regierung einen Investitionsplan von über 70 Mrd. US-$ erstellt, wobei ein Großteil der Gelder in den Siedlungs- bau und in das Transportwesen fließen soll.

Um vermehrt private und ausländische Investoren anzuziehen und den Wiederaufbau zu fördern, wurde im Jahre 2009 das Investitionsgesetz geändert. Bereits seit 2007 ist es ausländischen Erdölfirmen erlaubt, irakisches Erdöl zu fördern. Seit 2009 können sie nun auch Grundbesitz, Immobilien und nationale Ölfelder erwerben. Die irakische Regierung möchte so den Reformprozess vorantreiben. Im Erdölsektor sind Investitionen von über 14 Mrd. US Dollar verplant, um die Erdöl-ressourcen besser einzusetzen. Europa hat den Irak als wichtige Ölquelle wieder entdeckt und hofft nun vor allem auf verstärkte Kooperation.

Mit der Verabschiedung neuer Gesetze hofft man auf ein Widererstarken der Wirtschaft und auf eine verstärkte Investitionsbereitschaft aus dem Ausland. Damit soll ein Wandel von einer staatlich gelenkten Wirtschaft zur freien Marktwirtschaft vollzogen werden, wobei die Privatisierung eher schleppend verläuft.

Auch die öffentliche Finanzwirtschaft soll reformiert werden. Das irakische Bankensystem verzeichnet nach den Rückschlägen durch Krieg, Hyperinflation und Blockade, wieder Fortschritte. Heute können die Banken im Irak mit modernsten IT-Systemen aufwarten.

Mit der Liberalisierung des Kreditwesens etablieren sich immer mehr Privatbanken. Sie entwickeln sich gut und ihr Kapital stieg auf 1,6 Mrd. US Dollar an. Heute bietet der Irak ausländischen Privatbanken attraktive Investitionsmöglichkeiten, da bisher mehrheitlich nur staatliche Banken Kredite vergeben haben und diese 75% aller Geldeinlagen verwalten. Privatbanken sind also stark ausbaubar.

Die irakischen Staatseinnahmen stammen zu knapp 93% aus dem Erdölgeschäft. Dies soll jedoch geändert werden. Man plant den irakischen Bürger stärker in die staatliche Entwicklung einzubinden und erneuert seit 2006 das Steuersystem. Man versucht auch die Einführung einer Mehrwertsteuer und will die Umsatzsteuer neu regeln. Man hofft mit diesen Plänen auch ausländische Investoren anzuziehen. Mit Deutschland ist gerade ein Doppelbesteuerungsabkommen in Vorbereitung. Dies würde es deutschen Investoren ermöglichen, ihre Gewinne im Irak steuerfrei auszuführen.

Der Irak verfügt über große Erdgasvorkommen. Diese sind hauptsächlich im südlichen Teil lokalisiert und konnten bisher aufgrund infrastruktureller Missstände nicht erschlossen werden. In der Zukunft könnten diese Ressourcen von großem Nutzen sein. Investitionen gehen vor allem in den Bereich der Erdölraffinerie, aber auch in Förderung und Transport von Erdöl. Weitere Gelder fließen in den Aufbau von Kraftwerken und in innovativen Projekte zur Nutzung erneuerbarer Energien. Hier bieten sich ausländischen Investoren große Möglichkeiten.

Um unabhängiger vom Erdölsektor zu werden, setzt der Irak auf erneuerbare Energien. Sie werden verstärkt in der Stromversorgung des Landes eingesetzt. Einem Strombedarf von ca. 13,000 MW stand im Sommer 2009 eine Stromkapazität von ungefähr 6,000 MW gegenüber.[1] Gründe hierfür sind veraltete Technologien und unzureichenden Leitungssystemen. Um dieses schwache und überalterte Energie- und Stromnetz zu ersetzen, werden ausländische Investoren und Fachkräfte gesucht.

Für die Bevölkerung der Zugang zu sauberem Trinkwasser ebenso wichtig. Dies ist nur für ca. 70% der Iraker gegeben.  Auch für diesen Sektor werden Investoren gesucht. Die Regierung fördert den Aufbau einer effizienten Wirtschaft mit Hilfe von Fünfjahresplänen. Der letzte Fünfjahresplan sieht staatliche Investitionen in Höhe von 100 Mrd. US Dollar vor. Diese Gelder werden im Siedlungsbau und im Transportwesen eingesetzt. Damit soll die heimische Wirtschaft gestützt werden. Die Gelder hierfür stammen teils aus Exporteinnahmen¸ die sichzwischen 2006 und 2008 verdoppelt haben. Hauptexportgüter sind natürlich Öl und Gas. In der Finanzkrise nahm das irakische Exportvolumen ab, wenn auch, wegen der geringen internationalen Verflechtung des Iraks, nicht so stark wie befürchtet.

Die Infrastruktur im Irak wurde im Krieg stark getroffen. Große Teile des Straßen- und Eisenbahn-

netzes wurden zerstört. Deshalb investiert der Irak jetzt mehrere Milliarden US Dollar in diesem  Bereich. Internationale Zusammenarbeit ist besonders beim Aufbau des Eisenbahnsektors gefragt, wobei auch Streckenführungen ins Ausland geplant sind. Die Dorsch-Gruppe aus München ist für die Planung von vier Eisenbahnstrecken zuständig, die zwischen 17 und 400 km lang sind und Bagdad mit der jordanischen Grenze verbinden sollen.

Im Luftverkehr lassen sich bereits Fortschritte erkennen. Seit Ende April 2010 fliegt die Lufthansa viermal wöchentlich direkt den modernen Flughafen Erbil an. Andere, neue Flughäfen hoffen auf  vermehrten internationalen Flugverkehr. Wegen politischer Unstimmigkeiten wurden die Planungen von Iraqi Airways, das Streckennetz ins Ausland auszubauen, aufgegeben. Die irakische Regierung will nun die Fluggesellschaft verkaufen.

Der Wasserweg gehört zu den wichtigsten Verkehrswegen und wird auch für den Ölexport genutzt. Hinzu kommen Personen- und Gütertransporte. Derzeit modernisiert Basra seinen Hafen, Umm Qasr, mit neuen Kränen und zusätzlichen Kais. Auch hier setzt man verstärkt auf internationale Zusammenarbeit. Der Ausbau des Hafens wird aktuell vom Logistikunternehmen Gulftrainer durchgeführt. MGL Dubai, ein Schwesterunternehmen des deutschen Logistikers IQ Martrade Shipping + Transport ist ebenfalls hier tätig. Im Südirak betreibt seit August 2010 das deutsche Unternehmen Marlog LBG einen Kai in Khor Al-Zubair.

Der Inlandtransport ist seit fünf Monaten stabil und der Transport in bzw. aus der Türkei, Jordanien und Syrien nimmt zu. Der Bedarf an Investitionen im Transportwesen und Logistik, ist drängend. Die Entwicklung dieses Sektors beeinflusst maßgeblich auch den Fortschritt in der Tourismusbranche und steht in engem Zusammenhang mit deren Erfolg. Ausschlaggebend für den Aufbau des Infrastruktursektors ist der Ölpreis, da die Projekte durch Einnahmen aus dem Öl finanziert werden. Um die Sicherheitslage kümmern sich internationale Firmen. Beide Faktoren konnten positive Entwicklungen verzeichnen.

Die Kosten für Schul- und Hochschulbildung werden im Irak vom Staat übernommen. Seit 1990 sind jedoch auch kostenpflichtige Privatschulen erlaubt. Es fehlen aber qualifizierte Lehrkräfte. Wegen fehlender Ressourcen können die Universitäten nicht ausreichend ausbilden. So steigt der Bedarf an angemessener Ausrüstung und es fehlen ausländische Experten. Deshalb ruft das

Ministerium für Hochschulbildung und Forschung ausländische Privatinvestoren dazu auf, eigene Institute zu eröffnen. Vor allem Deutschland ist aufgerufen, den Aufbau technischer Kapazitäten zu unterstützten.

Facharbeiter werden seit Februar 2008 mit Hilfe der Daimler AG und der AGEF[2] in Erbil im European Technical Training Center (ETTC) ausgebildet. Im September 2010 wird eine erste deutsche Schule ihre Pforten im Irak öffnen. Seit 2005 besteht zwischen der Universität Marburg und der Universität Bagdad ein Kooperationsabkommen. Im Jahr 2009 etablierten sich, mit Beistand des DAAD und des Auswärtigen Amtes und unter Aufwendungen von ca. 4,5 Millionen Euro, vier langfristig ausgerichtete Hochschulpartnerschaften.

Das Gesundheitswesen des Irak war im Mittleren Osten und in Nordafrika lange Zeit führend. Heute fehlen Ärzten, Gesundheitszentren und modernen Technologien. Die Sterblichkeitsrate und hier vor allem die Kindersterblichkeit, sind hoch. In den Wiederaufbau des Gesundheitswesens sind deutsche Unternehmen involviert. So orderte das Gesundheitsministerium des Irak im Februar 2010 bei Siemens Healthcare für 69 Millionen US Dollar für den Einsatz in Krankenhäuser bildgebende Systeme. Siemens gewann damit den größten Einzelauftrag im Mittleren Osten.

In den letzten 23 Jahren ist im Irak kein einziges Krankenhaus gebaut worden. Heute besteht, nach den Zerstörungen des Krieges und auf Grund von Bevölkerungswachstum, beim Krankenhausbau ein erhöhter Bedarf. Derzeit werden von deutschen Firmen zwei neue Krankenhäuser gebaut. Deutsche Erzeugnisse sind wegen der Qualität der Produkte besonders gefragt. Ausstattungen mit medizinischen Geräten sind im Irak hoch willkommen.

Bis Ende 2010 soll das Geldvolumen für Anschaffungen aus dem pharmazeutischen Sektor von 200 auf über 250 Millionen US Dollar anwachsen. Weiteren Informationen und laufende Ausschreibungen können Sie dem Länderprofil entnehmen, so auch, dass das Auswärtige Amt seit dem 11.08.2010 vor Reisen in den Irak warnt. Deutschen Staatsangehörigen wird geraten, das Land zu verlassen. Für die Region Kurdistan, vor allem die Städte Erbil, Sulaymaniya und Dohuk, wird diese Reisewarnung aufgrund einer besseren Sicherheitslage eingeschränkt.


[1] Iraqi National Investment Commission
[2] Arbeitsgruppe Entwicklung und Fachkräfte im Bereich der Migration und Entwicklungszusammenarbeit