Das 9. Deutsch-Marokkanische Wirtschaftsforum

Wachstum durch spezialisierte Industriecluster

Bericht

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Der Marokkanische König Mohammed VI feiert am 30.07.2019 sein 20. Thronjubiläum. Dies ist Anlass für einen Blick in die jüngste Vergangenheit des Landes. Wie hat sich das Land entwickelt? Welchen Status hat es in Afrika? Profitiert die Bevölkerung von Innovation und Fortschritt? Wie erfolgreich ist die Reformpolitik des Königs?

Fragen dieser Art stellen sich auch Unternehmer, die im Königreich investieren wollen, immerhin lt. Financial Times im Hinblick auf die wirtschaftliche Entwicklung Land Nr. 1 in Afrika. Wirtschaftsdelegationsreisen nach Marokko haben lange Tradition. Es gibt deutsche Unternehmen, die sich hier angesiedelt haben, das Land wünscht sich weit mehr. Und die französische Sprache ist auch kein Hindernis mehr: Englisch ist weit verbreitet. Traditionell ist der Norden des Landes besonders attraktiv für Investoren. Die Teilnehmer einer Delegationsreise der EMA im Rahmen des 9. Deutsch-Marokkanischen Wirtschaftsforums, die vom 27.-31.01.2019 nach Casablanca, Rabat, Kénitra und Tanger führt, erleben die wirtschaftlichen Fortschritte deutlich. Moderne Infrastruktur ist weit fortgeschritten. Es gibt fünf internationale Flughäfen, ein effektives Tram-Netz in Rabat und Casablanca, den geschäftigen Hafen Tanger Med (eine besondere Erfolgsstory), Weltklasse Freizonen (wie z. B. AtlanticFreezone und Tanger Free Zone) und ausgezeichnete Autobahnen. Seit November 2018 verkehrt der neue Hochgeschwindigkeitszug Ligne Grand Vitesse, zunächst zwischen Tanger und Casablanca auf einer völlig neuen Bahntrasse, der Ausbau bis Marrakesch erfolgt sukzessive.

Die Investitionsbehörden Marokkos halten nützliche Informationen parat. Zu den wichtigsten gehört die für den Bereich Casablanca/Settat zuständige Einrichtung, die alle Neuigkeiten hinsichtlich der Investment Agreements hat und erfreuliche Tatsachen wie z. B. „keine Restriktion für Kapital“ und „keine Doppelbesteuerung“ betont. Die Zahlen für diese Region: 32 % des nationalen BIP, 56 % der nationalen Investitionen, 45 % des industriellen BIP und 62 % der nationalen Industrieproduktion. Qualifiziertes Personal ist selbstverständlich, jährlich verlassen 160.000 Studienabsolventen die staatlichen Universitäten. 20 % der insgesamt 34 Mio. Einwohner leben hier, davon sind 25 % unter 15 Jahre alt. Fünf neue Urbanisierungsprojekte mit einer Fläche von 2.500 ha sind geplant und zuerst hat man dafür das System der Landstraßen auf einer Länge von 4.500 km in 30 Monaten fertiggestellt. Ziel für die Zukunft ist mehr Public Private Partnership (PPP) und die Verbesserung des Geschäftsklimas durch die Entwicklung elektronischer Plattformen. Als wichtigste Investitionsbereiche werden Aeronautics, Automotive, Energie, Mikroelektronik und Biotechnologien genannt. Es gibt attraktive Investment Incentives (darüber informiert eine Broschüre auch in englischer Sprache) und eine marokkanische Besonderheit: Ein marokkanischer Partner ist nicht notwendig. Der Mindestlohn beträgt 200 Euro pro Monat.

Bei der Bündelung der Kräfte geht AMDIE (marokkanische Agentur für die Entwicklung von Investitionen und Export) mit gutem Beispiel voran. Die neuen Büros befinden sich im modernen Gebäudekomplex des Mahad Riad Center, in einem exklusiven Stadtteil von Rabat, nahe des EU-Gebäudes. Seit 2018 sind hier die Bereiche Export, Investitionen und Messen in einer Hand. „Wir vermitteln Informationen und Kontakte, um potenziellen Investoren zu helfen, die besten Partner für ihre Geschäfte zu finden. Seit neuestem gibt es die Broschüre „WhyMorocco?“ in Englisch“, so Ali Mehrez, Geschäftsträger der AMDIE-Generaldirektion.   

Attraktive Möglichkeit für ausländische Unternehmen ist die Ansiedlung in einem der Gewerbegebiete, die stets außerhalb der großen Städte liegen. Ein Beispiel ist Technopolis in Salé, ein riesiges Gelände mit hochmodernen Gebäuden, ausgestattet mit neuesten Technologien in der Nähe von Rabat. Hier arbeiten insgesamt ca. 12.000 Mitarbeiter in den internationalen Firmen. Eine Besonderheit ist die in unmittelbarer Nachbarschaft gelegene Rabat International University. Die in Technopolis angesiedelten Unternehmen hatten die Gelegenheit, an der Erstellung der Curricula mitzuwirken, um bedarfsgerechte Ausbildung sicherzustellen.

Fortschritte, die die Frauen im Bereich des mittleren Managements gemacht haben, sind allgegenwärtig. Bei früheren Besuchen in Marokko waren z. B. Positionen in den Bereichen Marketing, Kommunikation und Entwicklung fest in den Händen männlicher Kollegen, aber das hat sich in rasantem Tempo auf breiter Front geändert: Die Präsentation und Führung in Technopolis erfolgt durch HnyaBenchakroun Brick, die die Vorzüge des Konzepts souverän erklärt. Im Hafen Tanger Med, in dem Besucher neuerdings in einem riesigen Gebäudekomplex mit Auditorium empfangen werden, erklärt Sara Maatouk höchst professionell die Vorzüge des erstklassigen Vorzeigeprojekts. Von der Aussichtsplattform kann man bis nach Gibraltar schauen und das geschäftige Treiben des automatischen Beladens und Entladens der am Kai festgemachten Riesencontainerschiffe aus aller Welt beobachten. - Im in einem exotischen Park gelegenen nationalen Zentrum für Elektrizität und Trinkwasser in Rabat erklärt AsmaQuasmi, Abteilungsleiterin für Kommunikation und Entwicklung die komplizierte Thematik im elektronischen Kontrollraum. Im Außengelände befinden sich die saubersten Kläranlagen, die man sich vorstellen kann.

Aus dem marokkanischen Arbeitsleben sindFrauen nicht mehr wegzudenken und ohne sie kommt auch die Smart Composite Company in Kénitra nicht aus. Hier sind in den Produktions- und Kontrollprozess von elektronischen Bauteilen für die Automobilindustrie viele Frauen integriert, die in Schichten arbeiten. Ganz ohne Frauen - und das ist gut so - erfolgt die Produktion in einem Unternehmen, das Rohre bis 4 m Durchmesser produziert. Die Besucher bekommen Atemschutzmasken gegen die gefährlichen Dämpfe von Styrol, dessen Geruch allgegenwärtig ist. Die männliche Belegschaft erledigt große Teile der schweren Arbeiten ohne solchen Schutz in Handarbeit. Da wäre die Rohrproduktionsmaschine, die einer der Delegations-Teilnehmer mit seinem Maschinenbau-Unternehmen in Deutschland baut, angebracht - diese kostet allerdings über 2 Mio. Euro ….

Als Erlebnis der besonderen Art ist der Besuch der EcoleSupérieure des Sciences de la Santé (Hochschule für Gesundheitswissenschaften) in Casablanca zu verbuchen. „Unsere Hochschule gilt als beste Privatuniversität des Landes. Wir haben ca. 300 Studierende“, so Dr. Khaled Yassan, PrésidentDirecteurGénéral. Den Studierenden dürfen Mitglieder der Delegation ein besonderes Projekt vorstellen, das die Unterstützung des deutschen Gesundheitsministeriums hat: die Idee ist, dem in Deutschland bestehenden Notstand in der Pflege dadurch zu begegnen, dass man qualifizierte marokkanische Studienabsolventen in Deutschland weiterqualifiziert, ihnen Jobs garantiert und vorher dafür sorgt, dass sie die notwendigen deutschen Sprachkenntnisse erwerben. Dies ist möglich am in Casablanca ansässigen Goethe-Institut. Alle Beteiligten können sich eine solche Kooperation gut vorstellen und die Studierenden äußern großes Interesse. Die deutsche Botschaft in Rabat stellt die Erteilung von Visa für diese spezielle Zielgruppe in Aussicht.

Im Anschluss an viele Gespräche und Besuchebei Firmen und Behörden verdichtet sich der Eindruck, dass Marokko mit dem Reformprozess auf einem guten Weg ist. Modernste Technologien in der Wirtschaft und gute Qualität in der Hochschulausbildung sind viel versprechend. Sollte es zudem gelingen, die vielen Hochschulabsolventen in Arbeit und Brot zu bringen und auch etwas für die Menschen zu tun, die heute noch in erbärmlichen Slums leben, dann kann man die Reformen des Königs als Erfolg bezeichnen.

Diese Delegationsreise zeichnete sich dadurch aus, dass sie perfekt auf die Bedürfnisse der mitreisenden deutschen Unternehmer zugeschnitten war. Zu einer Delegationsreise gehört auch - trotz eines sehr engen Zeitrahmens - ein kleiner Einblick in die Gastronomie des Gastlandes und da wird der Besuch des auf einem traditionellen Holzsegelschiff gelegenen Restaurants in Rabat mit Blick auf die Kasbah wohl jedem Teilnehmer im Gedächtnis bleiben. Den Abschluss für die Autorin dieses Beitrags, die noch drei Tage lang die kulturellen Vorzüge von Tanger genoss,bildete die Fahrt im neuen Hochgeschwindigkeitszug, 1. Klasse für 24 €. Von Tanger nach Casablanca (350 km) brauchte er 2 Std 10 Min und war auf die Sekunde pünktlich.

Text und Fotos: Barbara Schumacher      

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