Bericht

Türkei - Boom am Bosporus

„Die Türkei hat in Deutschland fast eine Omnipräsenz“ – eines der Statements, die auf dem Hamburger Wirtschaftstag Türkei die deutsch-türkischen Beziehungen beschrieben.

Auf der überaus gut besuchten Veranstaltung, die die EMA zusammen mit der Handelskammer Hamburg, dem Undersecretariat of the Prime Ministry for Foreign Trade of Republic of Turkey und der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer im Albert-Schäfer-Saal am 11. Februar 2011 veranstaltet hat, wurden die bereits engen Beziehungen zwischen beiden Ländern und gerade zwischen engagierten Unternehmern noch vertieft.

„Rund 650 Hamburger Wirtschaftsunternehmen haben Beziehungen in die Türkei, davon rund 130 vor Ort“ konnte Heinz-W. Dickmann, stellvertretender Geschäftsführer in der Handelskammer Hamburg, in seinem Grußwort zur Eröffnung der Veranstaltung berichten. Rund 2700 Mitgliedsfirmen der Handelskammer Hamburg sind von türkischstämmigen Unternehmern gegründet worden. Dieser hohen Zahl wird seitens der Handelskammer mit einem Projekt Rechnung getragen, wobei eine Serviceanpassung nach Befragung der Unternehmer erfolgen soll.

Im Namen der EMA begrüßte Prof. Dr. Horst H. Siedentopf die rund 240 anwesenden sehr interessierten Zuhörer mit einem Verweis auf die „einzigartige Beziehung der beiden Länder“. Auch die EMA, die sich für eine nachhaltige Kooperation gerade auf wirtschaftlichem Gebiet zwischen Deutschland und der EMA-Region einsetzt, sieht in der Türkei einen kompetenten Mittler zwischen der EU und dem Nahen Osten. Prof. Siedentopf dankte den Teilnehmern des Wirtschaftstages für ihr Kommen und verwies auf die intensiven wirtschaftlichen Verknüpfungen, die Deutschland zu dem mit Abstand wichtigsten Partner der Türkei macht.

Marc Landau, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer, konnte aus seiner langjährigen Erfahrung vor Ort berichten.

Die Türkei, so Marc Landau, habe in den letzten Jahren einen fundamentalen Wandel durchlaufen, mit dem Bestreben ein „Global Player“ zu werden. Mit einem Wirtschaftswachstum, das über dem der EU liegt, erlebt die türkische Volkswirtschaft einen „Boom am Bosporus“. Mehr Menschen würden inzwischen in die Türkei auswandern als nach Deutschland.

In seinem Grußwort betonte der Generalkonsul der Republik Türkei in Hamburg, Devrim Öztürk, die seit langem bestehenden guten, freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern. In einem von Goldman Sachs veröffentlichten Bericht würde für 2050 prognostiziert, das die Türkei die neunt-größte Wirtschaft der Welt sein werde. Deutschland sei nach wie vor einer der größten Investoren des Landes, gerade auf dem Tourismussektor, so Generalkonsul Öztürk.

Block 1: Allgemeine Rahmenbedingungen

Auch in den informativen Vorträgen der hochkarätigen Vortragsredner des Tages wurde die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Türkei betont.

Den ersten Block, unter der fachkundigen Moderation von Marc Landau, eröffnete Ministerialrat Helge Tolksdorf mit seinem Vortrag zu den deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen. Er betonte, dass die Türkei „fast eine Omnipräsenz“ habe und seit den letzten Jahren das Partnerland diverser großer Messen in Deutschland sei, wie auf der Frankfurter Buchmesse, der CEBIT oder auch der ISM.

Innerhalb der letzten zehn Jahre haben sich der Warenaustausch zwischen Deutschland und der Türkei verdoppelt, nach wie vor sei Deutschland der wichtigste Zielmarkt in der EU. Als strategische Bereiche der Zusammenarbeit definierte Ministerialrat Tolksdorf die Sektoren Energie und Infrastruktur. Der Energiemarkt sei ein „großer Wachstumstreiber“, so Tolksdorf, der auch noch weiter zunehmen werden, gerade mit den Überlegungen zum Energietransit nach Europa (NABUCCO, BTC etc.). Ebenso biete der Infrastrukturausbau (Transport, IT, Kommunen) Potential, aber auch Herausforderungen.

Auch Fatih Altunyuva von der ISPAT, Republic of Turkey Prime Ministry Investment Support and Promotion Agency, verdeutlichte in einem kurzweiligen Vortrag die wirtschaftlichen Leistungen der Türkei. So sei die Türkei die sechst-größte Volkswirtschaft in der EU, stehe weltweit unter den Autohersteller an siebzehnter Stelle und habe das siebt–größte Tourismusaufkommen. Mit einer Bevölkerungsstruktur, in der gut die Hälfte der Bevölkerung unter 30 sei, und mit ihrer zentralen Lage biete sich die Türkei für Investitionen wohl als Brücke in die Region wie auch nach Europa an.

Im Anschluss beleuchtete Ulrich Burghardt, Direktor Cross Border Business Management der UniCredit Bank AG den türkischen Bankensektor. Annähernd alle in Deutschland bekannten Bankprodukte würden auch in der Türkei angeboten.

Zum Ende des ersten Blocks berichtete der türkische Rechtsanwalt Dr. Mehmet Köksal von Luther Karasek Köksal Danismanlik A.S. über die aktuellen Entwicklungen auf rechtlichem Gebiet. Viele der rechtlichen Bestimmungen, wie im Aufenthaltsrecht oder der Arbeitserlaubnis, seien gerade für EU-Bürger „ausländerfreundlich“ mit einem großen Ermessenspielraum aufgrund der vielen „Kann“-Regelungen.

Die Kaffeepause wurde rege für einen Austausch zwischen den Teilnehmern genutzt und griff die gute Stimmung des Vormittags auf. 

Block 2: Maschinenbau und Lebensmittelindustrie

Mit seinem Bericht über die türkische Maschinenbauindustrie leitete Ali Eren, Vizepräsident der Turkish Maschinery Promotion Group, die Fortsetzung des Vormittags ein. Der Maschinenbausektor sei ein strategischer Sektor, der „schneller wächst als die restliche Wirtschaft“ und dieser sei für die deutsch-türkischen Beziehungen besonders wichtig, da in diesem Sektor die Interessen komplementär wären und eine „win-win“-Situation bestehe. Desweiteren ging er auf das türkische Qualitätssiegel TURQUM ein.

Der Generalsekretär der Aegean Exporters´Associations beleuchtete den Sektor der Lebensmittelindustrie der Türkei. Die Türkei sei einer der größten Erzeuger landwirtschaftlicher Produkte, wobei sich der Absatz stark auf den europäischen Markt fokussiere. Einer der größten Märkte innerhalb der EU sei Deutschland. Auf viele der türkischen Lebensmittel würde kein Zoll erhoben innerhalb der Zollunion mit der EU, ausgenommen auf Olivenöl, was ein großes Problem darstelle.

Anschließend berichtete Kudret Ceran, Vize-Generaldirektor im Außenhandelsstaatssekretariat und ehemaliger Handelsattaché des Türkischen Generalkonsulats in Hamburg, in seinem Vortrag über die Außenhandelsbeziehungen der Türkei. Während die Visumsbestimmungen mit vielen Ländern bereits erleichtert oder ganz abgeschafft worden seien, würden diese in den deutsch-türkischen Beziehungen eine große Barriere darstellten. Gerade auf diesem Gebiet sei noch viel Arbeit zu leisten.

Mit dieser Aufforderung der Nachbesserung begann die verdiente Mittagspause mit einem reichhaltigen Buffet. In lockerer und geselliger Atmosphäre wurden angeregte Gespräche geführt und die erhaltenen Informationen diskutiert. Auch wenn die Pause vielen Gästen für eingehendere Gespräche zunächst zu kurz erschien, begann mit nur leichter Verspätung der interessante dritte Block unter der kundigen Moderation von Heinz-W. Dickmann.

Block 3: Erneuerbare Energien

Herausragende Themen der türkischen Volkswirtschaft sind die Energiebeschaffung und –versorgung, gerade wegen der erhöhten Inlandsnachfrage und der Importabhängigkeit des Landes.

Mehmet Ayerden, Vize-Generaldirektor der Turkish Elecritricity Trading and Contracting Company, merkte an, dass es das Hauptziel der Politik sei, einen transparenten Markt für Energie zu erreichen, wobei die freie Wettbewerbspolitik durch die Gesetzgebung unterstützt werde. Im Anschluss an seinen Vortrag berichtete Frau Sinem Caynak aus dem Energieministerium über das Anliegen der Türkei, einerseits die Energieversorgung sicherzustellen, andererseits gerade den Anteil der Erneuerbaren Energie zu erhöhen, der bisher noch nicht auf dem gewünschten Level sei. Eine Bewertung der Chancen der Windkraft in der Türkei präsentierte Dr. Helmut Klug vom GL Garrad Hassan. Das große Potential an Energiegewinnung wird bereits in landesweiten Windparks genutzt, wichtig sei aber vor allem, dass zur Einspeisung auch der Anschluss in das Netz gegeben sei.

Aus der Praxis berichtete Ayhan Gök, Managing Director von Nordex Turkey. Bezüglich des gerade verabschiedeten neuen Energiegesetzes stelle sich die Frage, wie dieses umgesetzt werden solle und welche Nachteile die Gesetzgebung für deutsche Firmen habe.

Nach der Kaffeepause am Nachmittag, in der die angeregten Gespräche und Kontaktaufnahmen fortgeführt wurden, begann der letzte Block des Tages zum Thema Logistik.

 

Block 4: Logistik und Infrastruktur

Murat Gürmeric von der State Planning Organisation informierte die Zuhörer über die Verkehrsinfrastruktur, wobei noch 94% des Gütertransportes über die Straßen erfolge. Weitere hohe Investitionen, immerhin 4% des BIP und zusätzliche private Investitionen würden in das öffentliche Transportwesen gesteckt. Neben dem Luftverkehr würde nun auch der Schienenverkehr weiter ausgebaut. Der Ausbau der Infrastruktur werde mit PPP-Projekten vorangetrieben, wie beispielsweise das Istanbul-Izmir Projekt oder auch der Bau eines neuen Containerhafens. Die Zukunft des Logistikwesens sah Kosta Sandalci, Vizepräsident der Freight Forwarders & Logistics Service Providers Association, vor allem in kombinierten Frachtwegen. Er sähe die Türkei als Brücke zwischen dem Kaukasus, Zentralasien, dem Mittleren Osten und Europa, so Herr Sandalci.

Auch Osama Romhi aus dem Management European Overland bei Kühne & Nagel, bestätigte in seinem Vortrag, dass vom Kühne & Nagel bisher der Transport über die Straßen am stärksten genutzt werde, wobei durch Staus in den Ballungsgebieten und Zollabfertigung sehr viel Zeit verloren gehe. Die Türkei habe mit einem großen Binnenmarkt und einer jungen Bevölkerung sowie hohen Auslandsinvestitionen große Vorteile. Wenig qualifizierte Arbeitnehmer und die Konzentration auf nur wenige Industriezentren seien ein Nachteil.

Mit einem herzlichen Dank an die Referenten und Gäste schloss der Moderator Heinz-W. Dickmann den Hamburger Wirtschaftstag Türkei, an dem viele neue Eindrücke und Informationen über das Deutschland so nahestehende Land vermittelt wurden.