Bericht

Das 1. Deutsch-Tunesische Wirtschaftsforum

Im April stand der Hamburger Wirtschaftstag der EMA ganz unter dem Stern der arabischen Revolution, die seit Beginn des Jahres die Welt bewegt, und dem Land, das für ihren Anfang und die Kettenreaktion verantwortlich war. Tunesien – das Land, das wochenlang Nummer eins der Nachrichten war. Das Land, das in den letzten Monaten eine Vorreiterrolle in der Arabischen Welt eingenommen hat und dessen neue Perspektiven es nun zu entdecken galt.

Durch die aktuelle Lage in Tunesien und ganz Nordafrika entstanden selbstverständlich besondere Bedingungen für den Hamburger Wirtschaftstag. Unter dem Titel „Tunesien als entscheidender Impulsgeber für die Öffnung Nordafrikas“ wurden die aktuellen Ereignisse in Nordafrika aus unternehmerischer Sicht betrachtet. Welche Perspektiven, welche Chancen und Risiken entstehen aus dem politischen Wandel für die deutsche Wirtschaft und die deutsch-tunesischen Beziehungen?

In dem historischen Gebäude der Handelskammer Hamburg wurden unter reger politischer und unternehmerischer Teilnahme die aktuellen Entwicklungen in Tunesien und Nordafrika diskutiert, neue Geschäftsmöglichkeiten erörtert, Investitionsempfehlungen ausgesprochen und Kontakte geknüpft. Kunstwerke eines Kalligraphen aus der Region sowie Adam Saidani, der mit seinem Oud -ein typisches arabisches Musikinstrument- eine musikalische Einlage bot und der Ausklang bei traditionellem tunesischen Gebäck schufen ein tolles Rahmenprogramm.

Anregende Diskussionen, vielseitige Vorträge und fachkundige Experten aus den Bereichen Wirtschaft, Politik und Recht sorgten für eine lebhafte Atmosphäre und eine gelungene Veranstaltung.

Auch die hohe tunesische Beteiligung sowohl auf dem Podium als auch im Publikum bereicherte den Hamburger Wirtschaftstag. Zu diesen zählten unter anderem der Konsul der Tunesischen Republik Mohamed Imed Torjemane und der Geschäftsführer des Förderungsamtes für Ausländische Investitionen (FIPA) Abdelaziz Chiha.

Besonders der ehemalige Handelsminister, Botschafter und Berater der Europäischen Union, derzeitig Aufsichtsratsvorsitzender der tunesischen Zentralbank, Tahar Sioud, verschaffte den rund 70 Teilnehmern einen intensiven Einblick in die aktuellen Entwicklungen und Aussichten in Tunesien.

Der UN-Koordinator a.D., Taoufik Ben Amara, sprach wahrscheinlich vielen Tunesiern aus der Seele, indem er sagte, er sei als stolzer Tunesier sehr glücklich darüber, im Herbst seines Lebens den politischen Frühling seines Heimatlandes erleben zu dürfen.

Die Referenten zeigten sich beeindruckt vom Wandel und der Entschlossenheit des Volkes, es sei eindeutig der richtige Zeitpunkt, um über Wirtschaft zu reden, fügt Heinz-Werner Dickmann, stellvertretender Geschäftsführer der Handelskammer Hamburg, in seiner Ansprache hinzu.

Man müsse aber bedenken, dass dies nur der Anstoß war. Die Baustelle ist enorm, Tunesien erwarte gewaltige Aufgaben und Herausforderungen wie die Schaffung einer Verfassung, der Entstehung politischer Parteien und der Organisation von freien Wahlen. Es sei noch nicht viel erreicht worden, so Dr. Stephan Jäger. Viele Probleme wie die Korruption haben sich seit Jahren angestaut, deshalb sei die Beseitigung ein langer Prozess und man müsse sich eines möglichen Scheiterns bewusst sein

Für die Zukunft geht es nun geht es darum, Investoren zu beruhigen, um die Wirtschaft anzukurbeln, um Arbeitsplätze zu schaffen. Für eine positive Veränderung und Umstrukturierung brauche man eine Vision, eine Strategie, einen Plan für die Zukunft unter Einbeziehung aller beteiligten Parteien, betont Hamadi El-Aouni, Wirtschafts- und Nahostexperte der FU Berlin.

Was das Finanzsystem betrifft, benötige Tunesien einen wesentlich effizienteren Bankensektor und ein Finanzsystem, welche das Land in seiner Entwicklung begleitend unterstützen, ergänzt der Aufsichtsratsvorsitzende der Tunesischen Zentralbank Tahar Sioud. Der politische Wandel werde aber auch die Öffnung des Bankensektors auslösen. Die Öffnung, die Liberalisierung des Handels sowie die demokratischen Übergänge würden immer ihren Anteil an anfänglichen Unsicherheiten und Zögern mit sich bringen, am Ende aber im Allgemeinen stets positive Auswirkungen auf die Wirtschaft haben.

Trotz der großen Herausforderungen, die das Land Tunesien noch erwartet, ist das Geschäftsklima gut, die Motivation groß. Deutsche Unternehmen sollten die aktuelle optimistische Aufbruchsstimmung nutzen, sie seien sehr willkommen in Tunesien, ermutigt Heinz-Werner Dickmann die Teilnehmer.

Der Appell an das Ausland beinhaltete aber auch, nicht einfach zur Tagesordnung überzugehen. Es könne kein Weiter-so geben, die Bewältigung der zahlreichen Aufgaben erfordere Anpassung von den Unternehmen.

Nicht nur die Überlegung, ob man eine Investition tätigt, sollte beachtet werden, sondern auch welche Investition, betont Dr. Jäger. Wo bringen Investitionen was? Wie kann man wirklich helfen?

Einige Beispiele liefert Hamadi El-Aouni, der sieben Projekte vorstellte, die er für sinnvolle Investitionen hält. Unter anderem forderte er eine bedarfsadäquate Ausbildung, wobei auch Deutschland mit seiner Erfahrung helfen könne. Das größte und faszinierendste ist wohl das Jahrhundertprojekt Tunis, in dem die überfüllte Stadt Tunis als politische Hauptstadt abgelöst werden soll. Durch diese Projekte könnten für Jahrzehnte zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen werden.

Doch der Appell an das Ausland beschränkt sich nicht nur auf die Wirtschaft. Tahar Sioud rief die europäischen Länder auf, mit einer Veränderung der Wahrnehmung der gesamten Region eine neuen Nachbarschaftsbegriff in die Tat umzusetzen, bei dem es nicht nur um Energiequellen und Marktzugang gehe.

Die wirtschaftliche Situation vor der Revolution sei gut gewesen, wie Studien zur Wettbewerbsfähigkeit, Ratings und eine hohe Wachstumsrate bestätigen. In der Regel habe Tunesien auch die Maastricht-Kriterien erfüllt, wovon manche europäische Länder im Moment nur träumen können. Nach der Revolution müsse nun dafür gesorgt werden, dass das Wirtschaftswachstum auch die tunesische Bevölkerung erreicht, fügt Martin Kalhöfer von der GTAI hinzu.

Viele Standortfaktoren sprechen für eine Investition in Tunesien. Das Land bietet durch seine Nähe zu Europa Vorteile wie just-in-time Produktion, es ermöglicht Zugang zu 1,5 Mrd. Verbrauchern durch Freihandels- oder Präferenzabkommen. Das Ausbildungsniveau sei gestiegen, die Kosten in alle Bereichen ein Vorteil gegenüber Deutschland, die Infrastruktur ausgebaut.

Durch die stark diversifizierte Industrie gibt es vielerlei Branchen mit aussichtsreichen Perspektiven. Dank der Modernisierung, technologischer Fortschritte, der Entwicklung der Humanressourcen –es gibt einen sehr hohen Grad an hochqualifizierten Akademikern- gelten auch Bereiche mit hohem Mehrwert zu vielversprechenden Märkten. Ebenso alternative Energien, insbesondere die Solartechnik sowie die Automobilindustrie, Logistik und Verkehrsinfrastruktur werden als attraktive Branchen genannt.

Doch einige diese Faktoren fielen im Laufe des Wirtschaftstages auch im Zusammenhang von notwendigen  Veränderungen. Hamadi El-Aouni bezeichnete sowohl die Infrastruktur, als auch das Bildungssystem in seinem lebhaften Vortrag als mangelhaft und ausbaufähig. Rüdiger Erb von der DACHSER GmbH & Co. KG brachte es zum Ende des ersten Blocks auf den Punkt: „Der Stein wurde ins Rollen gebracht, jetzt muss darauf geachtet werden, dass er nirgends hängen bleibt“

Sollte man also investieren oder nicht? Selbstverständlich beinhalten Investitionen auch Risiken. Ein politischer Umsturz bringt Instabilität mit sich und eine ungewisse Zukunft, was sich auch auf das wirtschaftliche Klima überträgt. Wie sicher oder unsicher sind Investitionen oder Verträge? Aus rechtlicher Sicht beantwortete Dr. Happ die Frage, ob man Investitionen nun verschieben sollte mit einem klaren: Nein! Es gebe Schutzabkommen zwischen Deutschland und fast allen arabischen Ländern, die für einen ausreichenden Schutz deutscher Investitionen in Tunesien und den Nachbarländern gegen politische Risiken sorgen. Man solle sich nicht von den aktuellen Bedingungen abschrecken lassen, sondern, so Dr. Happ, weiter in Nordafrika investieren.

Im Großen und Ganzen ist der Blick in die Zukunft von Optimismus geprägt. Die Möglichkeiten sind da, der Umschwung muss als Chance begriffen werden.

Tunesien erwartet ein langer Prozess der Veränderung, doch der erste Schritt ist getan. Europa kann und sollte seinen Beitrag leisten. „Es ist eine historische Chance für ausländische Gesellschaften“, so Jäger. Hoffen wir für die Zukunft, dass diese Chance genutzt wird.

Von: Magdalena Schreiner

 

Bericht zum Download