Das 2. Deutsch-Arabische Digitalforum

Investition in die Zukunft: IKT-Wirtschaft in der arabischen Region

Globalisierung und Digitalisierung – beides birgt großes Chancen und Potentiale und ist dabei unweigerlich mit Fragen der Datensicher und Arbeitsplätzen verbunden. Das betonte auch Christian Wulff, ehemaliger Bundespräsident und Ehrenpräsident der EMA, beim 2. Deutsch-Arabischen Digitalforum, das die EMA, das EZ-Scout-Programm, die AWE und die CEBIT am 11. Juni 2018 in Hannover im Rahmen des Take-Off Mondays auf der CEBIT ausrichteten. „Digitalisierung ist ein grenzüberschreitendes Thema, erst recht zwischen drei Regionen – Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten – die sich geografisch und historisch so nah sind“, akzentuierte er. Außerdem betonte er, wie wichtig es sei, deutsche und arabische Entscheidungsträger sowie Multiplikatoren aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zusammenzubringen. Unsere Aufmerksamkeit müsse sich daher gemeinsam auf die internationale Zusammenarbeit richten. 
 
 
 
Mit Digitalisierung die nachhaltigen Entwicklungsziele erreichen
 
Durch Überbrückung der Technology Gap, die zwischen Industrieländern und Entwicklungsländern besteht, soll keiner zurückgelassen werden, so Dr. Bilel Jamoussi, Vorsitzender der Study Groups Departement der ITU-T. Die Sonderorganisation der Vereinten Nationen, die International Telecommunication Union (ITU), führt verschiedenste Projekte in der arabischen Region und mit vulnerablen Bevölkerungsgruppen durch, um sie an der Entwicklung in der Informations- und Telekommunikationstechnologie teilhaben zu lassen. So sollen beispielweise, durch die Nutzung von Artificial Intelligence die nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) erreicht werden. Ein weiterer Schwerpunkt der ITU ist das Programm Bridging the Standardization Gap (BSG), wodurch Unternehmen aus der arabischen Region besser in den internationalen IKT-Markt integriert werden sollen. So wurde die arabische Teilhabe in der ITU-T SG20 in einem KMU-Pilotprojekt verfestigt, an dem ein tunesisches und drei ägyptischen Unternehmen partizipieren und Konferenzen in Dubai und Tunesien ausrichten.
 
Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit  und Entwicklung (BMZ) möchte die Chancen der Digitalisierung für alle nutzbar machen. Netzwerke von BMZ, Unternehmen und Verbänden arbeiten in Form der Tech-Entrepreneurship-Initiative Make-IT in Africa und der Strategischen Partnerschaft Digitales Afrika gezielt mit der Wirtschaft zusammen. Die Parlamentarische Staatssekretärin des BMZ, Dr. Maria Flachsbarth betonte, dass die Vorteile der Digitalisierung für Entwicklungsländer überwiegen: Mehr Menschen können mehr Wissen teilen, so könne man mehr Arbeitsplätze schaffen. In einer moderierten Runde diskutierte Frau Dr. Flachsbarth mit Rym Jarou, CEO von Smart Tunisia, über erforderlichen Rahmenbedingungen für einen beschäftigungswirksamen IKT-Sektor und Tech-Entrepreneure. Smart Tunisia ist ein Programm des tunesischen IKT- Ministeriums zur Förderung Tunesiens als IT- und Offshoring Hub sowie zur Unternehmensgründung. Die entsprechenden Rahmenbedingungen hat Tunesien durch den Startup Act geschaffen, der in einem zweijährigen Prozess gemeinsam mit dem Gesetzgeber, Unternehmen, Zivilgesellschaft und Investoren entwickelt wurde und für ganz Afrika eine Vorreiterrolle übernehme könnte. So haben unter Anderem angehende Unternehmensgründer ein Anrecht darauf, sich für ein Jahr aus ihrem Arbeitsverhältnis freistellen zu lassen – unabhängig davon, ob sie aus dem Privatsektor oder dem öffentlichen Sektor kommen.
 
Relevanz des IKT-Sektors für die arabische Wirtschaft - das Beispiel Jordaniens
 
Detaillierte Einblicke in die Relevanz des IKT-Sektors für die arabische Wirtschaft gab Nidal Bitar, CEO des jordanischen IKT-Verbands Int@J, der darüber hinaus Organisator des MENA ICT Forums in Amman ist. Nahezu 40 Prozent der jordanischen IT-Exporte sind Softwareentwicklungen und IT-Hardware und so wurden 2014 und 2015 jeweils über 400 Millionen US-Dollar in die Telekommunikation investiert. Die Beschäftigung von Frauen im IKT-Sektor ist mit einem Drittel so hoch wie in keinem anderen Sektor. Die jordanische Regierung hat zur Unterstützung des Sektors attraktive Rahmenbedingungen entwickelt: Die Umsatzsteuer auf Waren und Dienstleistungen aus dem IKT-Sektor wurde von 16 auf null Prozent gesenkt und der Zinssatz für Investitionen in IT-Unternehmen wurde von 14 auf fünf Prozent reduziert. Deutsch-jordanische Erfolgsgeschichten, wie die der DocuWare Europe GmbH und ITEC, zeigen, wie sich der Markt der Nahost-Region erschließen lässt.
 
Digitale Lösungen schließen Versorgungslücken
 
E-health, e-education, e-agriculture, mobile money und nicht zuletzt auch Smart Cities sind nicht nur praktische Apps in Industrieländern, sondern stellen zunehmend auch Zugang für Bevölkerungsgruppen dar, die bisher von den Versorgungsleistungen abgeschnitten waren. Julia Nietsch vom französischen Unternehmen Orange International berichtete, wie Orange als führender Telekommunikationsanbieter in der arabischen Region die Entwicklung von Applikationen maßgeschneidert für den lokalen Bedarf durch lokale Entrepreneure und Innovation Labs fördert. Bilel Jamoussi von der ITU zeigte, wie über die Einspeisung von Klimadaten in Smart Cities die Ernten der Landwirte gegen Ausfälle gesichert werden können. Imed A. Aloyoun, CEO des jordanischen digitalen Finanzdienstleisters Dinarak, entwickelte hingegen das Pilotprojekt „Mobile Wallet“, eine mobile App, mit der Bezahlen, Abheben und Überweisen per Smartphone auch ohne Bankkonto ermöglicht wird. Zudem startete Dinarak gemeinsam mit der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit und Entwicklung (GIZ) das Projekt Digi#ances Partnership Initiative zur finanziellen Inklusion von einkommensschwachen Jordaniern, Syrern oder Geflüchteten, die oftmals ohne Bankkonto auskommen müssen.
 
Jobmotor im IKT-Sektor?
 
Kontrovers wurde zudem diskutiert, ob die fortschreitende Digitalisierung und die Entwicklung des IKT-Sektors mehr Arbeitsplätze schafft als ablöst. Besonders in Bezug auf die arabische Region war diese Debatte von besondere Brisanz, zumal aufgrund der hohen Jugendarbeitslosigkeit, insbesondere unter Akademikern, eine große Hoffnung auf den IKT-Sektor gesetzt wird - sowohl als Jobmotor als auch Schlüssel zur Diversifizierung der Wirtschaft. Michael Pittelkow vom führenden deutschen Softwarehersteller SAP mahnte, dass der IKT-Sektor nicht als Wundermittel zur Lösung aller Arbeitslosigkeit gesehen werden darf. Zweifelsohne würde das Erstarken eines IKT-Sektors zwar Jobs kreieren, sorge aber gleichzeitig auch dafür, dass andere wegfallen. Julia Nietsch von Orange International hingegen schätzt den Effekt auf  die Beschäftigungsmöglichkeiten als überwiegend positiv ein. Studien haben gezeigt, so Nietsch, dass die wachsende IKT-Wirtschaft durchaus positive Auswirkungen auf die Entwicklung der arabischen Länder habe. „Wir müssen beide fördern, Start-ups ebenso wie die mittelständischen Unternehmen, denn letztere kreieren den Großteil der neuen Jobs.“ Das bedeute, vor allem durch Kooperationen mit bereits ansässigen Unternehmen und Hochschulen könne wirklich nachhaltige Entwicklung geschaffen werden. Clara Gruitrooy, Generalsekretärin der EMA, konstatierte die guten Chancen für weibliche Entrepreneure im IKT-Sektor, während Rym Jarou von Smart Tunisia das enorme Potenzial der Digitalisierung für den Arbeitsmarkt  ansprach, gleichzeitig aber ebenfalls vor überzogenen Erwartungen warnte.
 
Das vorherrschende Thema: Schutz der Privatsphäre
 
Der Schutz personenbezogener Daten wurde ebenfalls kontrovers diskutiert. Fundamentale Voraussetzung für digitale Innovationen sei der Zugang zu großen Mengen an Nutzerdaten, die durch mobile Anwendungen gesammelt werden können. Um die Privatsphäre zu schützen, könne durch eine Anonymisierung der Daten Abhilfe geschaffen werden. „Wir brauchen eine Balance zwischen der Effizienz, die uns die Digitalisierung bringt und der Privatsphäre, die dem höchsten Schutz unterliegen muss“, betonte Michael Pittelkow. Frankreich sei ein gutes Beispiel dafür, dass in diesem Fall die Politik wichtige Vorgaben für Datenschutz bieten könne, erklärte Julia Nietsch. Die französische IKT-Wirtschaft habe sich mittels Algorithmen zur Anonymisierung der Daten an diese Vorgaben angepasst und könne so den Schutz der Privatsphäre von Kundinnen und Kunden garantieren.
 
Fazit: Ein großer Erfolg
 
Mit der Teilnahme einer breiten Schicht an hochrangigen Vertreterinnen und Vertretern aus der arabischen und deutschen Digitalwirtschaft konnten bei dem 2. Deutsch-Arabischen Digitalforum auf der CEBIT, Europas Business-Festival für Innovation und Digitalisierung, neue Kontakte geknüpft und bestehende vertieft werden.
Gerade in Hinblick auf eine zunehmende Vernetzung der Welt, die daraus entstehenden Herausforderungen, aber – und das hat das Forum deutlich gemacht – auch resultierende Potenziale, leistet die EMA mit dem Zusammenbringen von EntscheidungsträgerInnen aus Wirtschaft und der Politik einen wichtigen Beitrag zur Förderung der IKT-Wirtschaft im arabischen Raum. Das ist ein Grundstein für eine nachhaltige Digitalisierung, weltweit.
 
Lesen Sie hier die Stimmen zum 2. Deutsch-Arabisch Digitalforum
 
Evelin Ayadi-Krenzer (ez-scout@ema-germany.org), EZ-Scout der GIZ im Auftrag des BMZ und entsandt an die EMA, steht Unternehmen für eine Entwicklungszusammenarbeit in der arabischen Region zur Seite.
 

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